Risikobeitrag: das Portfoliorisiko in seine Teile zerlegen
Der Risikobeitrag beantwortet die Frage, welche Anlage wie viel zum Gesamtrisiko eines Portfolios beiträgt. Er hängt nicht nur vom Gewicht und der Volatilität einer Anlage ab, sondern auch davon, wie sie mit dem Rest des Portfolios zusammenhängt. Die Beiträge aller Anlagen summieren sich exakt zur Portfoliovolatilität. Das macht sie zum Werkzeug für Risikobudgets und für Risk Parity.
Warum Gewichte nicht genügen
Ein Portfolio aus 60 % Aktien und 40 % Anleihen wirkt ausgewogen. Fragt man aber, woher seine Schwankungen kommen, ist die Antwort einseitig: fast ausschließlich aus den Aktien. Kapitalgewichte sagen wenig über Risikogewichte, weil Anlagen sehr unterschiedlich schwanken und sich gegenseitig ausgleichen oder verstärken. Der Risikobeitrag macht diese Verteilung sichtbar.
Formeln: marginaler und absoluter Beitrag
Ausgangspunkt ist die Portfoliovolatilität σ_P = √(wᵀ Σ w). Ihr marginaler Beitrag je Anlage gibt an, um wie viel sie steigt, wenn das Gewicht dieser Anlage ein wenig zunimmt. Multipliziert mit dem Gewicht ergibt sich der absolute Beitrag, geteilt durch die Portfoliovolatilität der relative Beitrag (Anteil am Risiko).
marginaler Beitrag: MRC_i = ∂σ_P / ∂w_i = (Σ w)_i / σ_P
absoluter Beitrag: RC_i = w_i × MRC_i
Anteil am Risiko: RC_i / σ_P = w_i × (Σ w)_i / (wᵀ Σ w)- w_i
- Gewicht der Anlage i
- (Σ w)_i
- Kovarianz der Anlage i mit dem Portfolio
- σ_P
- Volatilität des Portfolios
Die Summe aller absoluten Beiträge ergibt genau σ_P, die Summe der Anteile genau 100 %. Das ist kein Zufall, sondern der Satz von Euler für homogene Funktionen: Verdoppelt man alle Gewichte, verdoppelt sich die Volatilität. Für jede solche Funktion gilt σ_P = Σ w_i × ∂σ_P / ∂w_i. Dieselbe Zerlegung funktioniert deshalb auch für andere homogene Risikomaße wie den Value at Risk und den Expected Shortfall oder für den Tracking Error gegenüber einem Vergleichsindex.
Anders geschrieben ist der Anteil am Risiko das Gewicht mal das Beta der Anlage gegenüber dem eigenen Portfolio: w_i × β_i,P. Eine Anlage, die stark mit dem Portfolio schwankt, trägt mehr als ihr Gewicht; eine Anlage mit negativem Beta zum Portfolio senkt das Risiko und hat einen negativen Beitrag.
Beispiel: das 60/40-Portfolio
Der marginale Beitrag erlaubt eine schnelle Abschätzung: Verschiebt man einen Prozentpunkt von Anleihen zu Aktien (61/39), steigt die Volatilität näherungsweise um 0,01 × (15,68 % − 1,48 %), also auf etwa 10,14 %. Die genaue Rechnung ergibt ebenfalls 10,14 %. Für kleine Umschichtungen ist das ein praktisches Werkzeug, ohne die ganze Matrix neu zu rechnen.
Negative Beiträge sind kein Rechenfehler, sondern der Kern der Diversifikation. Sie zeigen Anlagen, die das Portfolio absichern. Ob eine Anlage absichert, hängt allerdings von den Korrelationen ab. Und die waren zwischen Aktien und Anleihen über die Jahrzehnte mal positiv, mal negativ.
Risikobeitrag und Renditebeitrag vergleichen
Interessant wird die Zerlegung, wenn man sie neben den Beitrag zur erwarteten Rendite stellt. Der Renditebeitrag ist schlicht Gewicht mal erwartete Rendite. Bei 7 % für Aktien und 2 % für Anleihen bringt das 60/40-Portfolio 5 %, davon 4,2 Prozentpunkte aus Aktien und 0,8 aus Anleihen.
| Anlage | Gewicht | Anteil an der Rendite | Anteil am Risiko |
|---|---|---|---|
| Aktien | 60 % | 84 % | 94,1 % |
| Anleihen | 40 % | 16 % | 5,9 % |
Die Anleihen liefern 16 % der Rendite, tragen aber nur 5,9 % des Risikos. Liegt der Renditeanteil einer Anlage über ihrem Risikoanteil, verbessert eine leichte Aufstockung das Verhältnis von Rendite zu Risiko des Gesamtportfolios; im umgekehrten Fall verschlechtert sie es. Im Optimum der Mittelwert-Varianz-Theorie, dem Portfolio mit der höchsten Sharpe Ratio, ist das Verhältnis von Überrendite zu marginalem Risikobeitrag für alle Anlagen gleich. Deshalb ist die Zerlegung ein guter Kompass, auch ohne vollständige Optimierung.
Im Nachhinein lässt sich dieselbe Gegenüberstellung mit tatsächlichen Gewinnen machen: Welche Anlage hat wie viel zum Gewinn beigetragen, und wie viel Risiko hat sie dafür gebracht? Eine Anlage, die über Jahre viel Risiko und wenig Gewinn beisteuert, verdient einen kritischen Blick, sofern sie nicht als Absicherung für Krisen gedacht ist, deren Nutzen sich nur selten zeigt.
Drei Anlagen und ein Risikobudget
Ein Risikobudget legt fest, welchen Anteil am Risiko jede Anlage tragen soll, etwa 60 % Aktien, 25 % Anleihen, 15 % Gold. Anschließend werden die Gewichte so gesucht, dass die tatsächlichen Anteile dem Budget entsprechen. Der Spezialfall mit gleichen Anteilen für alle ist Risk Parity.
„the risk contribution from each portfolio component is made equal“So beschreiben Maillard u. a. (2010) das Prinzip gleicher Risikobeiträge. Sie zeigen, dass solche Portfolios in ihrer Volatilität zwischen dem Minimum-Varianz-Portfolio und der Gleichgewichtung liegen. Roncalli (2013) behandelt allgemeine Risikobudgets, ihre Existenz und Eindeutigkeit und Algorithmen, um sie zu berechnen.
Für Fortgeschrittene: Beiträge zum aktiven Risiko und zu Faktoren
- Aktives Risiko: Für ein Portfolio, das gegen einen Index gemessen wird, ersetzt man die Gewichte durch die Abweichungen vom Index. Die Zerlegung zeigt dann, welche Über- und Untergewichtungen den Tracking Error treiben. Grinold und Kahn (2000) nutzen diese Zerlegung im aktiven Management.
- Hot Spots: Positionen, deren Anteil am Risiko weit über ihrem Gewicht liegt, sind Kandidaten für eine Verringerung. Litterman (2003) beschreibt dieses Vorgehen als Suche nach Brennpunkten des Risikos.
- Faktoren: Statt nach Anlagen lässt sich das Risiko nach Faktoren zerlegen (Markt, Zinsen, Kredit, Währungen). Dafür werden die Faktorladungen aus einer Regression mit der Faktor-Kovarianzmatrix kombiniert; der unerklärte Rest bildet einen eigenen Beitrag.
- Andere Risikomaße: Für Expected Shortfall ist der Beitrag einer Anlage ihr durchschnittlicher Verlust in den schlechtesten Szenarien des Portfolios, gewichtet mit ihrem Gewicht. Er zeigt besser als die Volatilität, wer in Krisen verliert.
- Schätzfehler: Die Beiträge erben die Unsicherheit der Kovarianzmatrix. Meucci (2005) behandelt, wie man Schätzfehler und Szenarien in die Risikozerlegung einbezieht.
Risikobeiträge über die Zeit
Risikobeiträge sind keine festen Eigenschaften eines Portfolios. Sie ändern sich, wenn Gewichte durch Kursbewegungen driften, wenn Volatilitäten in Krisen steigen und wenn sich Korrelationen verschieben. Ein 60/40-Portfolio, dessen Aktien nach einem langen Aufschwung auf 70 % gewachsen sind, trägt ein noch einseitigeres Risiko als zu Beginn. Umgekehrt können Anleihen, die jahrelang absicherten, in einer Inflationsphase plötzlich gemeinsam mit Aktien fallen und ihren negativen Beitrag verlieren.
Für die Praxis heißt das: Die Zerlegung regelmäßig mit aktuellen Daten wiederholen und dabei auch eine Krisenphase betrachten. Ein Vergleich der Beiträge aus ruhigen Jahren mit denen aus 2008 oder 2022 zeigt, wie stabil die Risikoverteilung wirklich ist.
Grenzen und typische Fehler
- Volatilität ist nur ein Risikomaß: Gleich große Volatilitätsbeiträge können sehr unterschiedliche Verlustbeiträge in Krisen bedeuten, wenn Renditen schief verteilt sind.
- Vergangene Korrelationen: Die Zerlegung gilt für die Kovarianzmatrix, mit der sie gerechnet wurde. In Krisen steigen Korrelationen oft, und Beiträge verschieben sich.
- Datenfrequenz: Tagesrenditen von Märkten in verschiedenen Zeitzonen unterschätzen Korrelationen und damit die Beiträge stark verbundener Anlagen.
- Gewichte driften: Ohne Rebalancing wächst der Anteil der besser gelaufenen Anlage, meist der Aktien, und mit ihm ihr Risikobeitrag.
So rechnet Portfolio Lab
Im Backtest zeigt der Reiter mit dem Gewinn- und Risikobeitrag je Anlage den Anteil am Risiko nach der Formel oben: Gewicht mal Kovarianz mit dem Portfolio, geteilt durch die Portfoliovarianz. Als Gewichte dienen die Zielgewichte, bei einem Zeitplan die durchschnittlichen Zielgewichte über den Zeitraum; die Kovarianzmatrix wird aus den Periodenrenditen der Anlagen im Backtestzeitraum geschätzt (Stichprobe, täglich oder monatlich je nach Einstellung). Daneben steht der Anteil am Gewinn. Der Vergleich beider Spalten zeigt, welche Anlage viel Risiko für wenig Ertrag trägt.
In der Optimierung erscheinen die Risikobeiträge zu jedem Ergebnis, gerechnet mit der dort geschätzten Kovarianzmatrix (voreingestellt Ledoit-Wolf). Eigene Risikobudgets lassen sich bisher nicht vorgeben; die Zielfunktion „Risk Parity“ setzt gleiche Anteile. Mehr in der Methodik des Backtests.
Frequently asked questions
Was ist ein Risikobeitrag?
Der Teil der Portfoliovolatilität, der auf eine Anlage entfällt. Er berücksichtigt Gewicht, Volatilität und den Zusammenhang mit den übrigen Anlagen.
Warum summieren sich die Risikobeiträge zu 100 %?
Weil die Volatilität linear mit den Gewichten skaliert. Nach dem Satz von Euler ist sie dann die Summe aus Gewicht mal marginalem Beitrag aller Anlagen.
Kann ein Risikobeitrag negativ sein?
Ja. Eine Anlage, die mit dem Portfolio negativ zusammenhängt, senkt dessen Risiko. Ihr Beitrag ist dann negativ, die anderen tragen zusammen mehr als 100 %.
Was ist der Unterschied zum marginalen Risikobeitrag?
Der marginale Beitrag misst, wie stark die Volatilität bei einer kleinen Erhöhung des Gewichts steigt. Der absolute Beitrag ist marginaler Beitrag mal Gewicht.
Was ist ein Risikobudget?
Eine Vorgabe, welchen Anteil am Gesamtrisiko jede Anlage tragen soll. Gleiche Anteile für alle entsprechen Risk Parity.
Literature
- Grinold, Richard C.; Kahn, Ronald N. (2000): Active Portfolio Management. McGraw-Hill, 2nd edition.
- Litterman, Bob (2003): Modern Investment Management: An Equilibrium Approach. Wiley.
- Maillard, Sébastien; Roncalli, Thierry; Teïletche, Jérôme (2010): The Properties of Equally Weighted Risk Contribution Portfolios. The Journal of Portfolio Management 36 (4), pp. 60–70. doi:10.3905/jpm.2010.36.4.060
- Meucci, Attilio (2005): Risk and Asset Allocation. Springer.
- Roncalli, Thierry (2013): Introduction to Risk Parity and Budgeting. Chapman & Hall/CRC.
This article explains a method; it is not investment or tax advice. Worked examples are simplified and rounded. All terms in the glossary.